Dienstag, 19. Juli 2011

Von Verhaftungen, morgendlichem Compoundleben und Taizegebeten

GeAm Mittwoch morgen um 05.15 Uhr schlug mein Handy wie gewohnt Alarm.Ich schaltete mich auf Schlummermodus, blöderweise mein Handy aber nicht. Wie auch? Die billigen, sambischen Handys verfügen über Funktionen wie Weltuhr oder Taschenlampe. Aber wer braucht schon Schlummermodus!
Dann eben keine morgendliche Laufrunde!
Ca. eine Stunde später erhielt ich einen Anruf, dass einer der alten und der neue Ösi auf der Polizeistation festgehalten werden.
Meine Laufkumpanen haben den Weg Richtung Krankenhaus eingeschlagen und liefen somit an den Baracken der Soldaten vorbei.
Auf Grund angeblich unbefugten Benutzens dieses Weges wurden die zwei Weißhäute verschwitzt und verwundert von Soldaten abgeführt.
2h ihres Lebens durften sie nun auf der Polizeistation verbringen, bis klar war, dass sie unschuldig waren.
Nun waren es die Soldaten, die Ärger an der Backe hatten und die Jungs kamen frei.
Der „alte“ Ösi fand alles recht amüsant, er kennt Sambia.
Der Neuankömmling hatte einige Bedenken und zu dem Anstrengungs- kam bestimmt auch Besorgnisschweiß hinzu.

Über Hitzeschweiß kann man sich zur Zeit nicht wirklich beklagen, vor allem letzte Woche war es morgens und abends verdammt kalt und windig.
Diese Woche sieht es glücklicherweise besser aus.
Heute morgen versagte mein Fahrrad, die Fahrradrepariererfront von der anderen Straßenseite
hatte noch nicht mit der Arbeit begonnen und ich musste Bus fahren.
Um nach Twapia zu kommen, muss ich erstmal zum Krankenhaus fahren.
Hier angekommen findet man häufig einen leeren Twapiabus vor, welcher erst bei absoluter Vollbesetzung losfährt.
Und das kann dauern. Also heißt es WARTEN, blöde Kommentare von betrunkenen Kerlen anhören und aus dem Fenster schauen.
Frauen sitzen an der Bushaltestelle und verkaufen Obst, Jugendliche in Schuluniformen sind spät für die Schule dran und da hinten läuft ein Weißer.
Nein ein weiß Gemachter.
Ein sichtlich verwirrter, alter Mann hatte sich im weißen Sand gewälzt und war nun über und über mit Staub bedeckt.
Er hatte sich 2 Lumpen als Lendenschurz und Umgang umgehängt und beschimpfte unsichtbare Passanten.
Der Bus fährt los.
Es geht stadtauswärts, vorbei am wachsenden Fußballstadion nach Twapia.
An der Endhaltestelle muss ich aussteigen und über den Markt laufen.
Menschen sind damit beschäftigt Läden zu öffnen, Wasser am Brunnen zu holen oder in der Morgensonne zu baden.
Den Markt verlassend schlage ich einen der schmalen Sandwege zwischen den Hütten ein.
Ein Huhn läuft links an mir vorbei, ein Hund schlummert auf dem rechten Wegesrand vor sich hin.
Frauen hocken vor den kleinen roten Stein/Lehmhütten und kochen Frühstück auf einer kleinen Feuerstelle.
Manche bewässern ihre kleinen „Vorgärten“, „ kehren“ den Staub auf dem Sandweg -was wirklich amüsant ist- oder benutzen ihre Toiletten.
Toiletten und Wascheinrichtungen befinden sich außerhalb der Hütte.
Vier Stöcke werden hierfür im Viereck in die Erde gesteckt und mit Querbalken verbunden.
Verkleidet wird das Gebilde mit großen Plastikfetzen.
Klopapier? Zu teuer. Nehmen wir Zeitungen.
Ich gehe weiter.
Kleine Kinder sitzen hier und da spielend auf dem Boden, Babys werden von Kleinkindern auf dem Rücken herum getragen und Schulkinder rennen zur Communityschool.
An den kleinen „Ntemba-Läden“ können sie als Pausensnack Süßigkeiten, Brot oder Drinks kaufen.
Natürlich nur, wenn Mum ihnen hierfür am Morgen K 500 ( ca. 15 Cent) in die Hand gedrückt hat.
In der Schule angekommen treffe ich auf die nervösen zwei Vorschulklassen.
Heute müssen sie bei der montaglichen Schulversammlung ein kleines Rollenspiel und Lieder präsentieren.
Mit Ausnahme von ein paar Uneinstimmigkeiten beim Anstimmen der Lieder, klappte alles prima.
Als Überraschung brachten sie am Ende noch ein gelungenes „ Fli, Fly, Flo“ ( deutsches Nachsprechgeschrei ) zum Besten, was mich enorm gefreut hat.

Gefreut hat mich einen Tag zuvor das gute Ankommen eines Taizégebetes bei meiner SCC.
Dunkelheit, Teppiche, Kreuz, Kerzen, Bilder, Musik und Gebete holten ein Stück Taizé nach Ndola!
Die Katholiken sind so eine alternative Art von Gebet nicht gewöhnt, man kennt hier nur normale Messen und das Bibelteilen.
Versunken in Meditation genossen die Anwesenden noch Minuten nach Ende des Gebetes die Atmosphäre und versprachen mit Hilfe der Materialien und Musik auch in Zukunft Taizégebete zu veranstalten =)

Dienstag, 12. Juli 2011

Von weiteren Wundern, Enttaeschungen und sambischen Messen

Samstag morgen ging es mit P., meiner „Arbeitskollegin“, ins Industriegebiet zur „Sambias International Trade Fair“- Messe!
Seit letztem Wochenende hatte sich nochmal so einiges getan und das Ergebnis konnte sich wirklich sehen lassen. Auf dem großen Gelände gab es von internationalen Ständen, Messehallen, Restaurants, made- in- China- Ständen bis zu Livemusik im Ndola Stadion fast alles.
P. und ich brauchten lange um über das ganze Gelände zu laufen und somit blieb keine Zeit mehr, um im Stadion Auftritten von Gardetruppen oder Musikern an zu schauen.
Dies holte ich am Abend zusammen mit Schwester und Cousinen im Swimming Pool der Stadt nach.
Also nicht im Swimming Pool, sondern neben dran im Clubbereich.
War sehr interessant mal die großen sambischen Sänger live performen zu sehen und zu wissen welches Lied zu wem gehört.
Dank meiner Hautfarbe durfte ich sogar mal kurz auf die Bühne, mich mit einem Sänger unterhalten und ein Männershirt geschenkt bekommen.
Mit wenig Schlaf ging es Sonntag morgens in die Kirche singen und am Nachmittag zum Sporttunier: Kathedralen Jugend gegen Nkwazi Jugend!
Jungs wie Mädels haben in den Sportarten Fußball und Netball nur ein Unentschieden erreicht!

Besser als verloren.

Dass die „Trade Fair“ gerade auf dieses Wochenende fiel, ist kein Zufall, denn es handelt sich um ein verlängertes! Montag und Dienstag waren auf Grund von „ Heroes und Unity Day“ frei!
Diese zwei besonderen Tage habe ich mit einem Chorgrillen, Handy zum zweiten Mal geklaut bekommen, Gastfamilienbesuchen und einem weiteren Trade Fair Besuch verbracht.
Mehr oder weniger erholt ging es am Mittwoch wieder auf die Arbeit und zwar direkt ins Heim! Die Communityschule hat für eine Woche geschlossen, weil Mitte des Terms ist und die meisten Kinder eh nicht kommen würden.
Unsere Heimmutter ist zur Zeit fort, um auf der Farm der Schwestern zu arbeiten.
An ihrer Stelle kümmert sich eine Heimmutter der Jungs um Kinder, Haus und Hof.
Diese ist sehr nett und hat ein sehr gutes Verhältnis zu D.!
Sie hat es geschafft das scheue Mädchen am Vormittag zu baden und Haare sowie Nägel zu schneiden.
Am Nachmittag lief ich über den Hof und sah D. neben der auf einem Stuhl platzierten Heimmutter im Gras SITZEN! Seit wann sitzt D.?
Interessiert blätterte sie sogar in einem ihr entgegen gehaltenen Bilderbuch. Sie grinste.
Ich und ein weiteres Mädchen konnten uns dazu setzten, ohne das sie aufhörte.
Als eine weitere hinzukam, ergriff sie die Flucht!
Später als ich mit den Anderen „ Schweinchen Babe“, meinem kleinen Mitbringsel von der Messe, schaute, kam sie ins Aufenthaltszimmer und setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür.
Sie schaute mit fern.
Unglaublich.
Einen Tag später war die Lage leider wieder etwas schlechter, sie hat beim „Reise nach Jerusalem“ spielen wieder Mädels geschlagen und mich in die Brust gekniffen.
Naja man sollte ja Traditionen wahren!
Am nächsten Tag sahen wir nachmittags einen Cartoon, dessen Sound plötzlichen von Schmerzensschreien übertönt wurde.
Eine der Älteren schlug mit einem Stock auf eines der jüngeren Mädchen ein. Sowas war hier noch nie passiert.
Die Ersatzhomemutter und P. waren mal kurz nicht around und schon schienen andere Regeln zu herrschen.
Das jüngere Mädchen war scheinbar frech geworden und musste dafür kassieren.
Alle Anderen schauten mich nur verunsichert an, liefen in den Nachbarraum und kamen halb grinsend wieder zurück.
Was war daran bitte lustig?
Ich ging rüber und fand die zitternde, hoch sensible B. in der Ecke stehend auf.
Ich setzte sie auf meinen Schoß und sah die Schlagspuren auf ihren Beinen.
Ich war so enttäuscht und fand die Antwort auf das „Warum“ nicht.Wie kann man seine „Schwester“ sekundenlang für so eine banale Sache so schlagen?
Vielleicht hat sie selbst solche Sachen in ihrer Kindheit erlebt und nie gelernt, wie falsch es ist.
Weitere Mädels schauten kurz ins Zimmer, grinsten unsicher und gingen.
Wir zwei gingen in ein anderes Zimmer und ich versuchte die Kleine mit einer Geschichte abzulenken.
Als ich von einigen Kleinen einen von einer der Älteren geschriebenen „Judith we love you“- Brief bekommen habe, war das zu viel und wir haben ein wenig zusammen geweint.
Manchmal muss es eben raus. Und es verbindet.
Verbindung.
Eine starke Verbindung habe ich damals in Kitwe auch zu einem der 1jährigen im St. Martins aufgebaut. Oder er zu mir.
Samstag morgen fuhr ich in meine 2. sambische Heimatstadt, um ihn im Krankenhaus zu besuchen. Lungenentzündung.
Es ging ihm zum Glück aber schon wieder recht gut und ich habe anschließend noch Familie, Heimkinder und Freunde besucht.
Nur noch ein weiteres Mal wird es zum Besuch Dieser kommen, da es sehr wahrscheinlich in 18 Tagen mit dem Flieger wieder ab nach Deutschland geht.....

Apropos Flieger! In der Vorschule haben wir heute in "Community und Environment" die verschiedenen Arten des Luftverkehrs durchgenommen.
Als die kleine A. ihr Heft zum Nachschauen nach Vorne brachte, fragte die Lehrerin P., warum sie am Freitag vor den Ferien nicht zur Schule kam.
Sie antwortete zerknirscht, dass ihre Mutter selbst zur Schule ging und sie auf ihre 3jaehrige Schwester aufpassen musste, weil sonst keiner zu Hause war.
A. ist 6 Jahre alt!!!
P. fuhr mit dem Fragen fort und wollte nun wissen, warum die Schuelerin denn Gestern nicht zur Schule kam.
"Naja, da musste die Mutti eben auch zur Schule! aber ich habe ihr dann gesagt, dass sie meine Schwester zur Oma bringen soll, weil ich auch zur Schule gehen moechte."

........

Freitag, 1. Juli 2011

Von Wasserknappheit, Babywirbelstürmen und Wundern

Und da wurde die ganze Sambische Bevölkerung am Montag von Schule und Arbeit befreit, um den ganzen Tag vom Fernseher aus die Beerdigung des 2. Präsidenten zu verfolgen.
Da ich den ganzen Tag zum Viedeoschneiden und Zusammenschustern genutzt habe, bekam ich von dem Spektakel kaum etwas mit.
Zunächst wollte ich das Geschehen aus den Augenwinkeln nebenbei mitverfolgen, aber auf Grund der schlechten Tontechnik des staatlichen Fernsehsenders habe ich irgendwann flüchten müssen.
Das traditionelle Geheule der Familienangehörigen und Freunde ist auf Dauer echt anstrengend.
Dann saß ich also in meinem Zimmer und blickte aus dem Fenster auf die leere Wäscheleine auf dem Balkon.
Waschen ist gerade nicht so drin. Haben seit 1-2 Wochen noch größere Probleme mit der Wasserversorgung.
Heute kam nur für 10 Minuten welches aus der Leitung!
Innerhalb dieser Zeit muss man so viele Kanister, Eimer und die Badewanne voll laufen lassen, wie geht.
Die Toilette könnte man dann auch mal abdrücken.
Morgens hat jeder einen Eimer Wasser für die Körperpflege zur Verfügung, wessen Inhalt man mit einem Heizstab aufheizen kann.
Am Wochenende wird sich die Situation erfahrungsmäßig noch verschärfen, da seit gestern die „ Trade Fair“- Messe im Industriegebiet, gleich neben dem Fußballstadion, statt findet und die Hausbewohner da aus irgendwelchen Gründen Wasser hinschleppen.
Diese Messe gibt es traditionell jedes Jahr um diese Zeit und ist ein großes Highlight, welches halb Sambia in die 2. größte Stadt des Landes lockt.
Allerhand Unternehmen und Firmen präsentieren sich hier in ihren „Ständen“, wobei es sich oft um richtige, fest stehende Häuser handelt.
Auch alle möglichen Länder wie Ägypten, Pakistan, Tansania, Indien bieten an diversen Ständen ihre landestypischen Waren an.
Neben Sachen für den Kleiderschrank, das Eigenheim oder das Auge gibt es auch genügend Möglichkeiten den Magen zu versorgen. Meine erste Gastmutter wird mit ihren Cateringservice- Freundinnen ein Restaurant eröffnen.
Und für die Ohren ist dann das Bühnenprogramm verantwortlich!
Letzten Sonntag bin ich mit Mutter, Schwester und Großcousine ( hat erst kürzlich ihren 7monate alten Sohn an Malaria verloren) schon einmal zu dem Gelände gefahren, um einen Vorgeschmack zu erhalten.
Ganz geschäftig war jung und alt dabei, ihre Stände fertig zu stellen.
Während der Messe wird sich ein Komitee in die Menschenmengen begeben und durch die „Stadt in der Stadt“ wandern, um den schönsten, geschmackvollsten Stand zu bestimmen.
Ich freue mich schon ziemlich, endlich ist mal was in dieser Stadt los und vielleicht kommt sogar ein bisschen Hochheimer Markt Feeling auf. Vielleicht.
Um eine perfekte Atmosphäre hierfür zu schaffen, müsste es jetzt allerdings regnen und auch während dem Tag stark abkühlen.
Am Morgen und Abend ist es mittlerweile echt kühl. In der steinernen, Fensterscheibenlosen Vorschule frieren wir Lehrer morgens immer sehr.
Wollsocken in den Flip Flops, Windbreaker und ein Kaffee in der großen Pause sind unbedingte Maßnahmen zur Körperaufwärmung.
Es soll allerdings noch deutlich kälter und windiger werden.
Als ich gestern mit der Schulleiterin (wegen der Videopräsentation) im Geländewagen Richtung Stadt fuhr, fuhren wir an dem kleinen Twapia Markt vorbei.
Schon aus einiger Entfernung hatte ich über den Häusern Staub und Abfall meterhoch in die Luft aufwirbeln sehen. Was war das denn? Riesenstaubsauger? Nein, ein Babywirbelsturm.
Sowas hatte ich noch nie gesehen.
Das hatte der Kleine bestimmt geahnt, denn er bahnte sich seinen Weg aus dem Markt hinaus, fegte über die Straße und dann über unser Auto hinweg.
War nicht schlimm, nur verdammt staubig.
Die Schwester hat mir dann von Kleinkinderwirbelstürmen erzählt, welche Häuserdächer in den Armenvierteln abdecken, Märkte verwüsten und Hühner hin fort tragen.
Na da freut man sich doch auf den Juli!

Von Seiten der Arbeit gibt es 2 Dinge zu berichten.
Am Montag kam eine Gruppe von Caritas Limburg an, welche Sambia, die Projekte der Partnerdiozöse und Caritas Ndola besuchen werden.
Am Dienstag schauten sie bei meinen Mädels vorbei, welche sich immer sehr auf Besuch freuen und in Form von Gesang gerne zeigen, was sie so drauf haben.
Ein deutsches leichtes Kirchenlied, was ich ihnen vor 2 Monaten beibrachte, saß immer noch. Sie sind genial.
Heute haben wir Kinderschmink- Tag gehabt.
Stundenlang hat man sich gegenseitig Katzen, Blumen und Phantastereien in die Gesichter gemalt.
Als ich gerade eine Blumenranke auf die Stirn eines Mädels malte, schweifte mein Blick kurz über die Künstlergruppe.
Moment. Das ist doch D.!
Ich konnte es nicht fassen. P., Vertrauensperson von der behinderten, menschenscheuen D., hatte das Mädchen im grünen Kleid zu sich gerufen und malte ihr einen Strich auf das Augenlid.
E. hielt sie dabei vorsichtig an den Schultern fest.
Ich war sprachlos. Als P. gerade den Pinsel mit mehr Farbe belud, schrie D. vor Freude auf und sprang E. ausgelassen um den Hals.
Ich war noch sprachloser.
Danach stand sie nur noch grinsend da und lies sich von P. und mir interessiert und geduldig anmalen.
Ich nahm dann einen Spiegel....nicht wirklich in dem Glauben, dass sie hineinsehen würde, aber.....
Sie sah hinein!!
Und lächelte unsicher.
Es war so wunderbar.
Als ich später weit nach Feierabend mit meinem Rad Richtung Tor fuhr, schlug sie in meine ausgestreckte Hand ein.
Sie würde einfach so mehr können, wenn man sie richtig verstehen wollen und unterstützen würde...